|
|
|
|
|
|
Vom Jedermann zum Volkstheater
Bereits im 18.Jahrhundert wurde in Schwäbisch Hall Theater gespielt. Das Haller Kurtheater, als,,Comödienhaus" seit 1780 aktenkundig, diente Gastspielen auswärtiger Bühnen als Aufführungsort. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren vor allem das Heilbronner Theater und die Württembergische Volksbühne Stuttgart zu Gast in der Salz- und Solestadt am Kocher.
Nachdem der Schauspieler Robert Braun Direktor und Oberspielleiter des Kurtheaters wurde und mit der Schauspielerin Else Rassow nach Hall gezogen war, nahm der lang gehegte Wunsch der beiden Künstler, den Jedermann von Hugo von Hofmannsthal auf der Großen Treppe vor St. Michael zur Aufführung zu bringen, Gestalt an. Obwohl das Kurtheater ein ziemlich verlustreiches Unternehmen war, stand die Stadtverwaltung einer Aufführung des "Jedermann" im Rahmen der Pfingstfestspiele von Anfang an positiv gegenüber. Man versprachsich Abwechslung im Kurleben und glaubte durch "Theater im Freien" die Attraktivität Schwäbisch Halls als Fremdenverkehrsort steigern zu können.
Die Premiere des Jedermann auf der Treppe der Michaelskirche in der lnszenierung von Robert Braun fand am 16.August 1925 vor rund 2.ooo Zuschauern statt, die das Stück stehend auf dem Marktplatz verfolgten. Mitglieder des Kurtheaters und eine große Zahl von Laienschauspielern aus der Haller Bürgerschaft bildeten die 250 Darstellerinnen und Darsteller. Bei der dritten Aufführung sollen es dann 3.5oo Zuschauer gewesen sein, ein Jahr später, im Mai 1926, waren es nach Berichten des Haller Tagblattes schon über 6.ooo Menschen, die der Jedermann in die Stadt lockte.
Bereits ab dem Jahr 1928 bürgerte sich der Name "Jedermann-Festspiele" ein, wie die Freilichtspiele Schwäbisch Hall bis zur Zwangspause während des Zweiten Weltkriegs genannt wurden. Abgesehen von wenigen Ausnahmen und den Jahren, in denen überhaupt keine Festspiele stattfanden, wurde jedes Jahr bis einschließlich 1969 der Jedermann auf der Großen Treppe zur Aufführung gebracht. ln den Folgejahren rückten andere Themen in den Mittelpunkt des künstlerischen lnteresses und der Jedermann wurde zum Jubiläumsstück.
Nachdem in den Anfangsjahren von Robert Braun und Else Rassow ein pathetisch orientierter Stil die lnszenierungen geprägt hatte, ging es ihrem Nachfolger Wilhelm Speidel nach dem Zweiten Weltkrieg darum, zu beweisen, dass auch hier, noch dazu in einem Saisontheater, ein hohes künstlerisches Niveau erreichtwerden kann. Achim Plato, der nach dem Tod Speidels 1968 die Geschicke der Freilichtspiele zu lenken begann, läutete einen sanften Wandel ein, der Spielplan wurde "weltlicher", das Erhabene mischte sich mit Heiterem.
Stücke und lnszenierungen wurden zum Spiegel der Verhältnisse und schufen Berührungen mit der Alltagsrealität des Publikums: Die Treppe führt eben nicht nur hinauf zur Kirche, sondern auch hinunter zum Marktplatz, mitten hinein ins tägliche Leben der Menschen.
Unter dem derzeitigen Intendanten Christoph Biermeier werden in diesem Sinn weitere Akzente gesetzt.
Er versteht sich als Erbe und Hüter einer Tradition, aber vor allem auch als Impulsgeber für neue Entwicklungen im Freilichtspielbereich.
So wird etwa im Bereich des Musiktheaters nicht der gängige Musical-Geschmack bedient, sondern speziellfür die Große Treppe Gesamtkunstwerke aus Musik und theatralen Szenen geschaffen. Auch das Volkstheater wird in Schwäbisch Hall weiterentwickelt und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Seinen idealen 0rt hat es im Haller Globe Theater gefunden. Volkstheater im guten, im eigentlichen Sinn, ist in der Auffassung von lntendant Christoph Biermeier viel mehr als volkstümliches Theater oder Dialekttheater. Volkstheater zeigt nicht in erster Linie, "was die Welt im lnnersten zusammenhält", sondern holt die Zuschauer ganz unmittelbar und direkt in ihrer eigenen Lebenswirklichkeit ab. Es zeigt ihre Probleme, Freuden, Sehnsüchte und Angste. Shakespeare, Horvarth, Molière, aber auch Yasmina Reza, das alles kann Volkstheater sein. Ein Globe Theater ist daher der perfekte Bau für diese Form von Theater: Zuschauer und Schauspieler agieren im selben Raum, es gibt kaum eine Trennung von Bühne und Zuschauerraum, im Rund sind sie vereint. "Die ganze Welt ist Bühne", das ist hier wörtlich zu verstehen. Das Publikum muss keine Ästhetiken "übersetzen", das Spiel ist direkt und unverstellt, menschlich eben, der Stimmung entsprechend. Das war 1599 im Londoner Globe Theater so, das ist heute im Haller Globe Theater immer noch so. "Die ganze Welt ist Bühne" heißt für Intendant Christoph Biermeier aber auch, jenseits der klassischen Spielstätten neue Bereiche für sein Theater zu erobern. Durch den Ausbau der Kinder- und Jugendarbeit, Fortbildungsangebote für theaterinteressierte Lehrerinnen und Lehrer, Lesungen, kleinere Produktionen und Gastspiele, stellen sich die Freilichtspiele mehr und mehr den Herausforderungen und Chancen eines ganzjährigen Kulturbetriebes.