Auf der Suche nach der idealen Besetzung

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebes Publikum!

Wir, das Team der Freilichtspiele, bereiten uns intensiv auf den Sommer 2021 vor und freuen uns sehr darauf, Sie dann endlich wieder begrüßen zu dürfen. Ein bisschen anders sind die Vorbereitungen in diesen Zeiten schon, neu, manchmal schwierig, manchmal sogar lehrreich. Hier können Sie einen kleinen Einblick in unsere Arbeit gewinnen.

Casting während der Pandemie: das klappt doch nie!

Auf der Suche nach der idealen Besetzung für die Neuinszenierungen auf der Großen Treppe und im Neuen Globe machen die Freilichtspiele jedes Jahr ausführliche Vorsprechen, oder, wie sie im Musicalbereich genannt werden: Auditions. Normalerweise reisen die zahlreichen Künstlerinnen und Künstler aus dem ganzen Bundesgebiet an, aus Österreich, aus der Schweiz, aus Luxemburg und den Niederlanden, spielen einstudierte Rollen vor oder zeigen anspruchsvolle Gesangspartien. Geprüft werden die technischen Fähigkeiten, die künstlerische Gestaltung und Vielseitigkeit, aber vor allem jenes Magische, was nur schwer zu beschreiben und kaum zu trainieren ist: die Präsenz auf der Bühne, die unmittelbare Wirkung.

Wie machen wir das jetzt mit der Magie und der Wirkung in diesen Zeiten? Reisen sind nicht erlaubt. Hygieneregeln können im schnellen Audition-Takt unmöglich eingehalten werden. Bewerbungen aus Risikogebieten kategorisch auszuschließen, kommt nicht in Frage. Bleibt wohl nur die Flucht nach vorne… und so sitzen, eines schönen Tages inmitten der Pandemie, mit großem Abstand drei Personen im Neuen Globe – Intendant Christian Doll, Dramaturgin Jennifer Sittler und Dramaturg Franz Burkhard, vor einem gut funktionierenden technischen Aufbau von Techniker Christof Gahle und schauen auf eine Leinwand, auf die per Beamer eine Zoom-Konferenz projiziert wird.

Aus München ist der Regisseur Philipp Moschitz zugeschaltet, aus Hamburg der musikalische Leiter Heiko Lippmann mit Hund, und im Viertelstundentakt werden die Aspiranten aus dem digitalen Warteraum in die digitale Audition übergeleitet. Im Folgenden wackeln bei den Nachbarinnen im realen Berlin, in Wien, in großen und kleinen Städten, in der eigenen Wohnung, im geräumigen Wohnzimmer der Eltern oder im kleinen Tonstudio wahrscheinlich die Wände vor Atmosphäre und Lautstärke, und es funktioniert: das Vorsingen vor kleinformatigen Computer-, Tablet- oder Handybildschirme gestaltet sich persönlich und fröhlich, die Tonqualität ist nicht überragend, lässt aber tatsächlich eine Beurteilung zu, und die neue Situation ist viel mehr interessantes Erlebnis als ärgerliches Hindernis. Eigentlich läuft alles wie am Schnürchen: Die Sängerinnen und Sänger haben, wie sonst auch, ein Playback als Instrumentalbegleitung vorbereitet und spielen und singen so leidenschaftlich wie auf der Bühne, Heiko Lippmann, der musikalische Leiter, kann die gewohnten Anweisungen geben und eine andere Stimmfärbung oder Linienführung fordern, der Regisseur Philipp Moschitz arbeitet an den Rollen, wünscht sich eine andere Sprachbehandlung oder eine andere psychologische Grundhaltung, und die Bewerberinnen und Bewerber setzen die Wünsche so präzise um, dass vor den Bildschirmaugen eine neue Szene entsteht.

Nur bei Andrea Pagani, der 2019 mit großem Erfolg als Zoser in Aida auf der großen Treppe sang und sich jetzt dem Regisseur als Curtis vorstellt, hakt das überraschend geschmeidige System: Der Ton steht zwar, alle können sich hören, aber zu sehen ist Herr Pagani nicht. Kurzerhand greift er zu seinem Handy, ruft den Regisseur per Videotelefonie an, und dieser hält das Handy in die Laptopkamera: so wurde aus einer Audition kurzerhand die performative Überhöhung eines ohnehin unüblichen Zustandes und eine neue, ganz eigene Magie.

Es hat also doch geklappt, und das nicht schlecht. 2021 werden die Freilichtspiele mit sehr großer Wahrscheinlichkeit aufführen können. Mit genauem Hygienekonzept und Abstandsregeln konnten sie bereits im letzten Sommer sehr erfolgreich spielen und werden selbst unter momentan eingeschränkten Bedingungen Neuinszenierungen anbieten können, unter anderem Nathan der Weise und eben Sister Act, für das jetzt erfolgreich online gecastet wurde. Andrea Paganis performativer Auftritt hat überzeugt: er spielt und singt den Curtis, den Gangster, vor dem die wunderbare Sängerin Deloris sich im Nonnenkloster verstecken muss. Diese unmittelbare Wirkung wird das Festspielpublikum live im Sommer 21 zu spüren bekommen.


Doppelt digital: Regisseur Philipp Moschitz, zugeschaltet aus München, ist per Handy mit
Andrea Pagani verbunden. Dieses Handy hält er in die Laptopkamera, sodass die Kollegen in
Hamburg und Schwäbisch Hall seinem Vorsingen lauschen können.

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